Hauptstadtfinale I

Beijing, China

Mit dem Airportexpresszug und zwei Metrolinien ging es zur Sprachschule. Deren Wegbeschreibung erwies sich dabei als unvollständig, denn am Central Place heißt alles Central -Place, -Square, -Mall und laut Übersichtskarte gibt es Businesstürme A1 bis A3, aber keinen Turm 16.
Da hilft nur Umherirren und mehrmaliges Fragen von halbwegs intelligent erscheinenden Menschen.
Es ist warm, das Gepäck schwer, die Metrostationen hier gönnen sich nicht den „Luxus“ von Rolltreppen, es kommt fast zu einer Schlägerei mit rüpelhaften Wanderarbeitern und ich steige schweißgebadet und von bedeutungsleeren italienischen Designermarkenfassaden ans Tageslicht, suche den Weg, in der Schule endlich angekommen, ist mein erster Eindruck der eines überlebenden Baustellenbüros – nichts davon ist Stimmungserhellend.
Hat mich aggressiver gemacht als ich sein möchte, reagiere dementsprechend nicht begeistert, als man mir mitteilt, dass die mir zugesandte Unterkunftsinformation obsolet ist (wäre in Geh-Nähe gewesen) und ich stattdessen zwei U-Bahnstationen (verteilt auf zwei Linien) fahren muss. Ist unbequemer, kostet extra Zeit und Geld, und man hat es nicht einmal für nötig gehalten, mich über diese Änderung zu informieren.
Wäre ich aus irgendeinem Grund später eingetroffen und direkt zur Unterkunft… aber bin ich ja nicht, und ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich mehr Informationen, als eine Visitenkarte mit der Handgeschriebenen Adresse der Unterkunft erhalten hätte. Wenn ich nicht recht patzig gefragt hätte, und wie soll ich da hinkommen? Taxi. Was kostet das? Hmm, zahlt die Dame und sie würde mich begeleiten.
Ich fülle dann zum Vierten Male ein Accomodationaggreement und Formulare aus. Bürokratie ist wichtig!
Den sinnfreien Einstufungstest ersparen wir uns immerhin, nach meinem erneuten Hinweis darauf, dass ich bereits in Shanghai ihren Elementary Level Kurs besucht habe..
Mit dem Taxi geht es dann zu diesen Century Towers an der Dritten Ringstraße. An der Ecke ist die Metrostation und eine Shoppingmall mit Kinocenter mit englischsprachigen Filmen. Globalisiertes Fastfood und Kaffee sind omnipräsent und auch einen Supermarkt gibt es, denn ich dann auch besuche, nachdem ich ein DSL-Modem für den Internetzugang an der Rezeption geordert habe.
Kaution oder nicht Kaution, das war eine Frage, die meine Kreditkarte zweimal beantworten sollte – ich werde auf der Abrechnung kontrollieren müssen, ob da wirklich „nichts verblieben“ ist.
Die angekündigte Appartment Mitbewohnerin aus der Schweiz kommt Stunden später nach mir an, da habe ich bereits das bessere Zimmer in Beschlag genommen, auch sie wurde neuarrangiert, Unterbringungstechnisch und ist not amused. Ihre Stimmung liegt um etliches unter meiner bei Ankunft. Sie scheint deutlich besseres gewohnt zu sein, wodurch so ziemlich alles ihren Missmut erregt und versendet am Abend und Morgen erst einmal Beschwerdemails.
Ich dagegen habe gut geschlafen, das Bett ist nicht zu hart, das Fenster im 16.Stock geöffnet gab es Frischluft, esse einen Kirschjoghurt und Baguette und werde mich gleich in der Schule auf chinesisch bespaßen lassen. 第一个天 Der erste Schultag war ernüchternd. Es brauchte eine ganze Weile, bis ich eine Vorstellung davon hatte, an welchem Kapitel des Lehrbuches sich der Kurs abarbeitet. Es handelte sich um eine Art Freistilplapperrunde, in dem jeder mit jedem kommunizieren sollte, ohne dass es alle wirklich gekonnt hätten – eine Kakophonie des Chinesisch-Dilletantismischen. Und die Lehrerin springt fleißig von Hü nach Hott und spricht ziemlich schnell und für mich schwer verständlich, da mit ungewohnter Aussprache. Nicht sehr hilfreich insgesamt
Der zweite Eindruck von der Schule hier, knüpft nahtlos an den Ersten an: eng, bedrängt und deutlichst weniger strukturiert als die Filiale in Shanghai – nichts für Klaustrophobiker. Wenn sich der Unterricht nicht deutlich steigert sehe ich mich in den nächsten Tagen eher durch Abwesenheit glänzen: Bezahlt ist bereits, ist dann reine Abwägungssache, ob ich mich für mein Geld auch noch frusten lassen möchte, oder lieber die Stadt und Kultur erlebe.
Im Supermarkt erlebe ich dann allerdings arrogantes, neureiches Verhalten, wie ich es seit langem nicht mehr erlebt habe. Absolut verächtlich werden vor der Kassiererin die Geldscheine hingeworfen und dass ihr die Münzen des verpönten Wechselgeldes nicht ins Gesicht geworfen wurden, war auch alles. Typische chinesische Hauptstädter?? Hoffentlich nicht. Gerade als ich mich am frühen Nachmittag in Richtung Olympiastadium aufmachen will, kommen nach und nach Handwerker und Reinigungspersonal – fünf Personen insgesamt, die für meine Mitbewohnerin einen Schreibtisch und ein anderes Bett besorgen. Auch dieses ist allerdings zu hart, so dass ihr später auch noch ein paar weiche Auflagen besorgt wurden.
Statt Olympiastadium, ging es für mich dann in den Chaoyang Park, der nach vier Metrostation erreicht war. Eine große grüne Oase in der Stadt. Das Olympische Beachvolleyballturnier wurde dort ausgetragen, wie ich beim Durchwandern feststellen konnte. 第二三个天 ; Eine Nachmittagsexkursion führte mich zum Tiananmenplatz. Ein großer mit Granitplatten ausgelegter Platz, der nicht so außergewöhnlich groß erscheint, da sich mittendrin das Mao Mausoleum breit macht. Ursprünglich wollte ich dem Reiseführer folgen und aufs Südtor steigen, um den Blick schweifen lassen zu können, aber der Preis dafür wurde seit Drucklegung aufs Siebenfache erhöht (20RMB) und dafür quatscht mich gleich ein Dutzend Animateure voll, wie toll es doch dort oben wäre, und ganz billig wäre es doch auch: vier Etagen für einen Preis. Komisch nur, dass man ungefähr zehnmal so viele Überwachungskameras wie Besucher an der Balustrade entdecken kann. Ich entscheide mich für die 2RMB Eisalternative und ziehe weiter. Über das Mausoleum kann man von dort eh‘ nicht drüberschauen. Auf dem Platz fallen sehr viele „rein zufällig“ herumstehende Leute in Zivil auf. Mein Eindruck ist, wenn man „Polizei und Geheimdienst bitte den Platz verlassen“ rufen würde, wäre nur noch ein Viertel der Menschen übrig. Streicht man dann noch die Postkarten und Neppverkäufer, bliebe ein Zwanzigstel. Dafür gibt es wahrlich beeindruckende Videowände auf denen nette Propagandavideos laufen. Weiter nach Norden, vor der verbotenen Stadt steigt die Konzentration an Neppern drastisch an. Wie Sauerbier werden Touren zur Großen Mauer angeboten, „Half price“ , aber dafür wird man zur Nachverhandlung auch auf halber Strecke ausgesetzt. Manch einer versucht dem dummen Touristen die Flasche Wasser für den Dreifachen Preis des vorherigen Standes zu verkaufen. Immerhin interessant anzuschauen ist am Spätnachmittag das Katz- und Mausspiel zwischen einem dicken Polizisten in seinem Polizeiauto und den flinken Verkäuferfußtruppen. Blöd nur, dass er mit seinem Auto ihnen nicht über zwanzig Zentimeter hohe Bordstein folgen kann. Anschließend dreht er dann auf dem Vorplatz im Auto seine Runden und beschallt das Areal mit dem riesigen Megaphon auf dem Fahrzeugdach. Soll ja bloß keine betretene Stille aufkommen.
Einen Park rechts und links der verbotenen Stadt zu besichtigen ist genug für den späten Nachmittag. Auch das gesamte Olympiaareal ist permanent beschallt: „One world one dream“ bilingual und weitere Jingles. Im Park und sogar im Wald entkommt man der Dauerbeschallung nicht, ab und an ertönt ein „Welcome…don’t make fire…keep off the grass“ aus den maximal 50m voneinander entfernten Lautsprechern. Mir fällt leider nicht ein, an welch en Science Fiction Film mich das erinnert – Demolition Man?
Ohne diese Lärmbelästigung würde der Olympia Forest Park sicherlich gewinnen, immerhin gibt es Wiener Walzer auf die Ohren, es hätte ja auch ein Radetzkymarsch, Chinapop Potpourri sein können… Der Eintritt fürs Olympiastadium soll knapp 6Euro betragen, das Geld ist es mir nicht wert, ein paar Schritte weiter gibt es eine fast Besucherleere „Olympia Construction Exhibition Hall“. Auch ich darf zuerst meinen Personalausweis für den Erhalt der Gratiseintrittskarte vorzuzeigen, bevor die Kollegen des Schalterbeamten lautstark darauf hinweisen, dass dies bei Ausländern keinen Sinn machen würde. Jaja.
Dann noch eine ausgiebige Sicherheitskontrolle wie am Flughafen und ich bin drin. Recht interessant anzuschauen, die Modelle der Bauten. Der zweite und dritte Schultag gestalteten sich deutlich besser, allerdings ist die morgendliche Anreise durch die überfüllte Metro nervend.
Die Unterkunft ist an sich nicht schlecht, aber man wollte gestern morgen darauf beharren, die Mülleimer nur einmal wöchentlich zu leeren (obwohl die winzigen Dinger bereits voll waren und zu stinken anfingen). Erst die Androhung, den Müll dann in den Hausflur zu kippen, wo ihn dann einer wegräumen kann, in Verbindung mit der (zweifachen – hier muss man immer alles wiederholen) Bitte bei der Schule für die Entsorgung zu sorgen, half: es wurde sogar eine Grundreinigung des Appartements durchgeführt.
Irgendwie hatte ich mich schon darauf gefreut, die stinkenden Müllbeutel in den Aufzug zu stellen…